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Weihrauch – das vergessene Heilwissen eines kostbaren Harzes

19. Okt.
7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 5 Tagen

Von alten ägyptischen Heilrezepten über arabisches Weihrauchwasser bis zu meinen eigenen Auszügen


Manchmal braucht es nur ein paar unscheinbare Harzstücke, um eine Geschichte zu entdecken, die mehrere Jahrtausende zurückreicht. Weihrauch ist für die meisten Menschen untrennbar mit seinem charakteristischen Duft verbunden. Doch wer sich etwas tiefer mit diesem Naturharz beschäftigt, entdeckt eine ganz andere Welt. Eine Welt, in der Weihrauch zerrieben, in Wasser eingelegt, mit Öl verarbeitet oder zusammen mit Honig und Wachs zu Salben hergestellt wurde.

Mich interessiert vor allem dieses alte Wissen. Was wussten die Menschen damals über Weihrauch? Wie bereiteten sie ihn zu? Welche Beschwerden behandelten sie damit, und weshalb verwendeten sie manchmal Wasser, manchmal Öl und manchmal ganz andere Zutaten?

Diese Fragen beschäftigen mich schon länger. Weihrauchwasser habe ich über die vergangenen Jahre immer wieder selbst hergestellt und getrunken. Nun wollte ich mich erneut mit dem Harz beschäftigen und gleichzeitig eine andere Zubereitung ausprobieren.

Am 19. Oktober 2026 habe ich deshalb zwei Gläser angesetzt. Für beide verwendete ich eine fertige Mischung aus Boswellia dalzielii, Boswellia sacra und Boswellia carterii. Die Harzstücke liess ich ganz. In einem Glas setzte ich sie mit Rizinusöl an, im anderen übergoss ich einen Esslöffel der Mischung mit zuvor aufgekochtem, destilliertem Wasser.

Der Wasseransatz darf über Nacht ziehen. Das Öl hingegen bekommt mehrere Wochen Zeit und wird täglich geschüttelt. Später möchte ich es für die Hautpflege und zum Einmassieren meiner Gelenke verwenden.

Während die beiden Gläser nun ihre Zeit bekommen, lohnt sich ein Blick zurück.


Schon die alten Ägypter kannten Weihrauch für ihre Gelenke


Einer der bemerkenswertesten Funde stammt aus dem Papyrus Ebers, einer ägyptischen Sammlung medizinischer Rezepte aus der Zeit um 1550 vor Christus.

Unter der Rezeptnummer 654 findet sich eine Zubereitung, die ausdrücklich zum Erweichen beziehungsweise Beweglichmachen der Gelenke vorgesehen war.

Die damaligen Heilkundigen verwendeten hochwertigen Weihrauch, Honig, Wachs, Öl beziehungsweise Salbengrundlage, Milchfett, Johannisbrotmehl und weitere pflanzliche Bestandteile. Die Zutaten wurden zu einer Masse zerstossen und anschliessend auf die betreffenden Körperstellen aufgetragen.

Fast 3'500 Jahre später finde ich diese Rezeptur noch immer bemerkenswert. Nicht, weil ich sie unverändert nachmachen möchte, sondern weil sie zeigt, wie selbstverständlich Weihrauch damals zu den Mitteln für die äusserliche Behandlung gehörte.

Ein weiteres ägyptisches Rezept, Nummer 653, kombiniert Weihrauch mit Öl, Koriandersamen und einer heute nicht eindeutig identifizierten Pflanze. Die Mischung wurde über mehrere Tage auf die betreffenden Körperstellen eingerieben.

Koriander und Weihrauch – eine Verbindung, die man heute kaum noch miteinander in Verbindung bringt.


Historische Quelle: Papyrus Ebers – digitale Edition der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. Die betreffenden Einträge sind unter Eb 653 und Eb 654 zu finden.


Dioskurides und die Kunst der alten Salben


Rund anderthalb Jahrtausende später begegnen wir dem Weihrauch erneut, diesmal beim griechischen Arzt Dioskurides. Sein Werk De materia medica entstand im ersten Jahrhundert nach Christus und beeinflusste die europäische Arzneikunde über viele Generationen.

Dioskurides beschrieb Weihrauch ausführlich. Ihn interessierten die Beschaffenheit des Harzes, seine Qualität, mögliche Verfälschungen und seine Verwendung bei unterschiedlichen Beschwerden.

Für die Haut wurden unter anderem Mischungen mit Honig, Milch, Essig oder tierischen Fetten beschrieben. Weihrauch wurde fein zerrieben und mit dem jeweiligen Trägerstoff verarbeitet.

Auch die damalige Herstellung von Arzneiölen war erstaunlich vielfältig. Pflanzen und Harze wurden eingelegt, erwärmt, ausgepresst oder mehrfach ausgezogen.

Dahinter stand ein umfangreicher Erfahrungsschatz, der über lange Zeit weitergegeben und verändert wurde.



Weihrauchwasser aus der arabischen Heiltradition


Besonders neugierig machte mich eine Überlieferung aus der arabischen und persischen Medizin.

Dort ist Weihrauch unter den Namen Luban und Kundur bekannt. In alten medizinischen Texten wird er nicht nur für äusserliche Anwendungen erwähnt, sondern auch im Zusammenhang mit Verdauung, Atemwegen und Gedächtnis.

Eine überlieferte Zubereitung ist verblüffend einfach: Weihrauch wird über Nacht in Wasser eingelegt. Am nächsten Morgen wird das Wasser getrunken.

Die Tradition verbindet diese Anwendung unter anderem mit geistiger Klarheit und Gedächtnisstärkung. In späteren arabischen Arzneitexten finden sich auch Hinweise auf einen regelmässigen Gebrauch.

Nicht jede dieser Überlieferungen lässt sich heute bis zu einer eindeutig datierten Originalhandschrift zurückverfolgen. Doch die Anwendung selbst ist keineswegs verschwunden.

Im Oman gehört eingelegtes Weihrauchwasser weiterhin zur lebendigen Volksheilkunde. Eine ethnografische Untersuchung aus dem Jahr 2026 dokumentiert, wie Weihrauch in der Region Nord-Al-Batinah verwendet wird. Von den 280 befragten Personen berichteten rund 66 Prozent, dass sie Weihrauchwasser trinken.

Gerade diese Verbindung zwischen alten Texten und noch heute praktizierten Zubereitungen finde ich faszinierend.



Die arabische Handschrift ist eine historische Quelle zur Arzneimittelkunde; die genaue Stelle zur Wasserzubereitung ist darin noch nicht abschliessend identifiziert.


Honig, Wachs, Fett und Weihrauch – die alten Rezepturen waren erstaunlich vielseitig


Bei meiner Suche begegneten mir immer wieder Kombinationen, die in heutigen Kräuterbüchern nur selten auftauchen.

Im mittelalterlichen Wales beispielsweise wurde Weihrauch zusammen mit altem Schweineschmalz und frischem Bienenwachs erhitzt, durch Leinen gepresst und zu einer streichfähigen Masse verarbeitet. Sie diente als Grundlage für Wundauflagen.

Andere Rezepte kombinierten das Harz mit Baumharzen, Frühlingsblüten oder Kräutern.



Auch in der römischen Medizin finden wir aufwendige Gelenksalben. Der Arzt Celsus überlieferte unter anderem eine Rezeptur des Heilkundigen Numenius mit Weihrauch, Rosenblättern, verschiedenen Ölen und Bienenwachs. Sie war für Gicht und verhärtete Gelenke vorgesehen.

Einige dieser alten Arzneien enthielten allerdings auch Stoffe, die wir heute wegen ihrer Giftigkeit nicht mehr verwenden würden. Für mich liegt ihr Wert deshalb nicht darin, jede Rezeptur nachzubauen, sondern ihre ursprüngliche Zusammensetzung und die Gedankenwelt der damaligen Heilkundigen kennenzulernen.



Weihrauch – überlieferte Anwendungsgebiete und mögliche Wirkungsweisen


Die alten Heilbücher und die noch heute lebendige Volksheilkunde zeigen, wie vielseitig Weihrauch eingesetzt wurde. Einige seiner Inhaltsstoffe werden inzwischen auch wissenschaftlich untersucht. Dabei ist wichtig, zwischen einer überlieferten Anwendung und einer tatsächlich nachgewiesenen Wirkung zu unterscheiden.

Anwendungsbereich

Überlieferung und mögliche Wirkungsweisen

Gelenke und Beweglichkeit

Traditionell bei Gelenkschmerzen, Gicht, Schwellungen und Steifheit verwendet. Bestimmte Weihrauchextrakte zeigen in kleineren klinischen Studien Hinweise auf eine Linderung von Arthrosebeschwerden.

Entzündungsprozesse

Boswelliasäuren können in Laborversuchen bestimmte entzündungsbezogene Prozesse beeinflussen.

Magen und Darm

In verschiedenen Heiltraditionen bei Verdauungsbeschwerden verwendet. Extrakte werden unter anderem im Zusammenhang mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen untersucht.

Atemwege

Historisch bei Husten und Atemwegsbeschwerden eingesetzt. Kleine Studien untersuchten mögliche Verbesserungen bei Asthmasymptomen.

Haut und Wunden

Bestandteil alter Salben, Pflaster und Auflagen bei Hautbeschwerden und Verletzungen. Bestimmte Inhaltsstoffe zeigen im Labor entzündungsmodulierende oder antimikrobielle Eigenschaften.

Mund und Zahnfleisch

Traditionell bei Beschwerden im Mundraum verwendet. Die mögliche Wirkung einzelner Bestandteile auf Mikroorganismen wird experimentell untersucht.

Gedächtnis und Konzentration

In der arabisch-persischen Überlieferung mit Gedächtnisstärkung und geistiger Klarheit verbunden. Bisher vor allem Gegenstand experimenteller Forschung.

Nervensystem

Einzelne Inhaltsstoffe werden auf mögliche schützende Effekte auf Nervenzellen untersucht.

Zellschutz

In Laboruntersuchungen zeigen bestimmte Weihrauchbestandteile antioxidative Eigenschaften.

Tumorforschung

Einzelne Bestandteile werden experimentell untersucht. Daraus ergibt sich kein Nachweis, dass Weihrauch Krebs behandeln kann.

Diese Übersicht zeigt die Bandbreite der traditionellen Anwendungen und Forschungsansätze. Nicht jede Wirkung ist klinisch bestätigt, und die Ergebnisse von Untersuchungen mit standardisierten Extrakten lassen sich nicht ohne Weiteres auf Weihrauchwasser oder selbst hergestellte Ölauszüge übertragen.




Warum ich Rizinusöl gewählt habe


Für meinen eigenen Ölauszug habe ich mich bewusst für Rizinusöl entschieden.

Dieses dickflüssige, reichhaltige Pflanzenöl verwende ich gerne für äusserliche Anwendungen. Es lässt sich auf der Haut verteilen und eignet sich für langsame Einreibungen und Massagen.

Meine Weihrauchmischung besteht aus drei Handelsarten. Boswellia dalzielii stammt aus Westafrika, während Boswellia sacra und Boswellia carterii mit der arabischen und ostafrikanischen Weihrauchtradition verbunden sind. Botanisch werden die beiden letztgenannten Namen teilweise derselben Art zugeordnet.

Ich habe die Harzstücke nicht gemahlen. Sie dürfen langsam im Öl liegen, während ich das Glas täglich schüttle. Mich interessiert, wie sich das Öl mit der Zeit verändert, welchen Geruch es annimmt und wie es sich später auf der Haut anfühlt.

Ich brauche dafür keine komplizierte Rezeptur. Weihrauch, Rizinusöl und Zeit.


Zwei Glasgefäße mit eingeweichten Weihrauch in gelblicher Flüssigkeit auf dunkler Küchenarbeitsplatte.

Ein Harz, zwei verschiedene Auszüge


Beim Wasseransatz gehe ich anders vor. Das destillierte Wasser wird zuerst aufgekocht und anschliessend über die ganzen Harzstücke gegossen. Der Ansatz bleibt über Nacht stehen.

Weihrauch ist kein einheitlicher Stoff. Er besteht aus Harz, gummiartigen Bestandteilen und ätherischen Ölanteilen. Wasser und Öl nehmen deshalb nicht dieselben Bestandteile auf. Manche Stoffe lösen sich leichter, andere bleiben weitgehend im Harz zurück.

Das macht die unterschiedlichen Herstellungsweisen für mich besonders interessant.

Ich habe über die Jahre meine eigenen Erfahrungen mit Weihrauchwasser gesammelt. Dabei ging es mir vor allem um die traditionelle Verwendung bei entzündlichen Beschwerden und um die Frage, was dieses Harz dem Körper möglicherweise bieten kann.

Dass ich es persönlich gut vertragen habe, ist meine Erfahrung und keine allgemeine Einnahmeempfehlung. Gerade bei selbst hergestelltem Weihrauchwasser sind die enthaltenen Stoffmengen unbekannt. Frische und hygienische Herstellung verdienen ebenfalls Aufmerksamkeit.


Was von diesem alten Wissen geblieben ist


Je länger ich mich mit Weihrauch beschäftige, desto deutlicher wird mir, wie viel mehr hinter diesem Harz steckt als sein Duft.

In ägyptischen Papyri finden wir Gelenkzubereitungen. Griechische Ärzte beschrieben Salben und Auflagen. In arabischen Heiltraditionen begegnet uns das eingelegte Weihrauchwasser. Mittelalterliche Heilkundige kombinierten Weihrauch mit Honig, Wachs, Ölen und Pflanzen.

Die Menschen damals hatten andere Vorstellungen vom Körper und seinen Beschwerden. Sie beobachteten, probierten aus, sammelten Erfahrungen und schrieben auf, was ihnen wichtig erschien. Manche dieser Rezepturen wurden über Jahrhunderte weitergegeben, andere gerieten in Vergessenheit.

Mich reizt es, solchen Spuren nachzugehen, ohne alles sofort bewerten oder beweisen zu müssen. Ich möchte verstehen, was überliefert wurde, und mir dabei die Freiheit bewahren, eigene Beobachtungen zu machen.

Meine beiden Weihrauchgläser stehen nun da und dürfen sich entwickeln. Das Wasser wird schon bald fertig sein, während das Rizinusöl noch einige Zeit braucht.

Vielleicht ist genau das eine der schönsten Seiten dieser alten Zubereitungen: Sie verlangen keine Eile.

Manchmal beginnt eine Entdeckung mit nichts weiter als einem Stück Harz, etwas Wasser, einem guten Öl – und der Neugier, genauer hinzuschauen.


Hinweis: Dieser Beitrag beschäftigt sich mit historischen Heiltraditionen und persönlichen Erfahrungen. Die beschriebenen alten Anwendungen sind keine medizinischen Behandlungsempfehlungen.


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