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Rotöl – wenn Johanniskraut sein rotes Geheimnis preisgibt

13. Aug.
7 Min. Lesezeit

Altes Heilwissen, moderne Forschung und mein selbst hergestelltes Johanniskrautöl


Das Johanniskraut wächst bei mir im eigenen Garten. Seine leuchtend gelben Blüten kennt man vielleicht vom Wegesrand, von Böschungen oder trockenen Wiesen, doch wenn man die Pflanze einmal genauer betrachtet, entdeckt man Besonderheiten, die man beim Vorbeigehen leicht übersieht. Dieses Jahr wollte ich nicht nur über Johanniskraut lesen, sondern selbst Rotöl daraus herstellen. Ich sammelte frische Blüten mit den oberen Triebspitzen, gab sie in ein Konfiglas und übergoss sie vollständig mit Olivenöl aus privater Herstellung.

Am 22. Juni habe ich mein Rotöl angesetzt. Heute, am 13. August, nach gut siebeneinhalb Wochen Reifezeit, ist es fertig und bereit zum Filtern. Aus gelben Blüten, grünen Pflanzenteilen und goldenem Olivenöl ist in dieser Zeit ein wunderschönes tiefrotes Öl entstanden.

Genau diese Verwandlung hat meine Neugier geweckt. Wie kann aus einer Pflanze mit leuchtend gelben Blüten ein derart rotes Öl entstehen? Und weshalb ranken sich ausgerechnet um das Johanniskraut seit Jahrhunderten so viele Geschichten?


Glas mit roter Flüssigkeit und Blüten auf Betonbalkon, daneben silbernes Herz und weißer Topf.

Erst einmal genau hinschauen


Das Echte Johanniskraut trägt den botanischen Namen Hypericum perforatum. Wer sicher sein möchte, was vor ihm wächst, sollte nicht nur auf die gelben Blüten achten. Ein besonders interessantes Erkennungsmerkmal ist der Stängel. Er ist nicht einfach rund, sondern besitzt zwei deutlich fühlbare Längskanten. Nimmt man ihn zwischen Daumen und Zeigefinger und dreht ihn langsam, lassen sich diese beiden Leisten gut ertasten. Dieses Merkmal hilft dabei, das Echte Johanniskraut von verschiedenen anderen Johanniskrautarten zu unterscheiden.

Zwei grüne Blattstücke auf weißem, strukturiertem Hintergrund, eines oben quer, eines unten senkrecht.

Auch die Blätter verraten einiges. Hält man eines gegen das Licht, scheint es von unzähligen winzigen Löchern durchsetzt zu sein. Tatsächlich sind es keine Löcher, sondern durchscheinende Öl- beziehungsweise Sekretdrüsen im Pflanzengewebe. Genau diesem Aussehen verdankt die Pflanze den Zusatz perforatum – „durchlöchert“.

Noch interessanter wird es bei den Blüten und Knospen. Zerreibt man geeignete frische Pflanzenteile zwischen den Fingern, kann sich die Haut rötlich bis violettrot verfärben. Diese Beobachtung faszinierte die Menschen bereits lange bevor jemand wusste, welche Pflanzenstoffe dafür verantwortlich sind.

In der alten Signaturenlehre wurden solche Merkmale als Hinweise auf die Verwendung einer Pflanze verstanden. Die durchscheinenden Punkte erinnerten an verletzte oder durchstochene Haut, das Rot an Blut und die goldgelben Blüten an die Sonne. Aus heutiger wissenschaftlicher Sicht lässt sich die Wirkung einer Pflanze selbstverständlich nicht aus ihrem Aussehen ableiten. Trotzdem zeigt diese Vorstellung, mit welcher Genauigkeit Pflanzen früher betrachtet wurden.


Gelber Blütenstrauch zwischen grauen Steinen und dichtem Grün in einem wilden Garten.

Eine alte Wundpflanze mit einer besonderen Geschichte


Johanniskraut ist keine moderne Modeerscheinung. Seine medizinische Geschichte reicht weit zurück und die äußerliche Verwendung spielte dabei eine wichtige Rolle. Über Generationen wurden ölige Johanniskrautzubereitungen in verschiedenen Regionen Europas und des Mittelmeerraumes bei Verletzungen, Verbrennungen und Hautbeschwerden verwendet.

Ein Teil dieser Tradition hat bis heute Bestand. Auch die Europäische Arzneimittel-Agentur führt bestimmte Johanniskraut-Zubereitungen zur traditionellen äußerlichen Anwendung bei kleineren Hautentzündungen und zur Unterstützung der Heilung kleiner Wunden.

Gleichzeitig war Johanniskraut für unsere Vorfahren weit mehr als eine Wundpflanze. Sein Name verbindet es mit dem Johannistag am 24. Juni und damit mit der Zeit der Sommersonnenwende. Die Pflanze blüht ungefähr in dieser Jahreszeit besonders auffällig, und traditionell galt das um den Johannistag gesammelte Kraut als besonders wertvoll.

Als ich das bei meiner Recherche las, musste ich schmunzeln. Ich hatte mein Rotöl am 22. Juni, also nur zwei Tage vor dem Johannistag, angesetzt. Geplant hatte ich diesen Zeitpunkt nicht. Es hat sich schlicht so ergeben.

Aus der alten Verbindung zwischen Johanniskraut und Johannistag entstanden zahlreiche Bräuche. Die Pflanze wurde in Häusern aufgehängt oder mitgeführt und sollte vor Unheil und negativen Einflüssen schützen. In historischen Überlieferungen begegnet sogar die Bezeichnung fuga daemonum, sinngemäß „Dämonenflucht“. Natürlich befinden wir uns hier nicht in der modernen Pflanzenmedizin, sondern mitten im europäischen Volksglauben. Dennoch finde ich es faszinierend, welchen Stellenwert diese Pflanze einmal hatte.

Auch die rote Färbung wurde symbolisch gedeutet. Sie wurde mit Blut in Verbindung gebracht und taucht in alten Bezeichnungen und Überlieferungen als „Johannisblut“ auf. Was für frühere Generationen geheimnisvoll erscheinen musste, lässt sich heute zumindest teilweise mit der besonderen Pflanzenchemie erklären.


Warum wird Rotöl überhaupt rot?


Johanniskraut enthält eine ganze Reihe interessanter Inhaltsstoffe, darunter Hypericin und Pseudohypericin, Hyperforin sowie verschiedene Flavonoide. Häufig liest man, Hypericin sei schlicht der rote Farbstoff des fertigen Johanniskrautöls. Ganz so einfach scheint es jedoch nicht zu sein.

Während einer Ölmazeration laufen verschiedene Vorgänge gleichzeitig ab. Pflanzenstoffe werden aus dem Pflanzenmaterial herausgelöst, andere verändern sich unter dem Einfluss von Licht, Sauerstoff und Wärme. Untersuchungen von Johanniskraut-Mazeraten zeigen, dass während einer traditionellen Sonnenmazeration auch Umwandlungs- und Abbauprodukte entstehen können, die an der charakteristischen Rotfärbung beteiligt sind. Das fertige Rotöl ist deshalb chemisch betrachtet wesentlich komplexer als „Olivenöl mit Hypericin“.

Gerade der Einfluss des Lichtes ist interessant. Manche Inhaltsstoffe des Johanniskrauts reagieren empfindlich darauf. Damit bekommt die alte Tradition, das Glas für die Rotölherstellung in die Sonne zu stellen, aus heutiger Sicht noch eine zusätzliche Ebene. Das bedeutet nicht, dass damit alte Vorstellungen von einer besonderen „Sonnenkraft“ wissenschaftlich bestätigt wären. Es bedeutet aber sehr wohl, dass Sonnenlicht bei der Herstellung nicht wirkungslos bleibt, sondern chemische Veränderungen beeinflussen kann.


So habe ich mein Rotöl hergestellt


Für mein eigenes Rotöl verwendete ich frisches Johanniskraut aus meinem Garten, hauptsächlich die Blüten und oberen Triebspitzen. Angesetzt habe ich mein Rotöl am 22. Juni, also genau in der Zeit rund um die Sommersonnenwende und kurz vor dem Johannistag am 24. Juni.

Das frische Pflanzenmaterial kam in ein Konfiglas und wurde vollständig mit Olivenöl aus privater Herstellung übergossen. Dabei achtete ich darauf, dass die Pflanzenteile mit Öl bedeckt waren.

Die ersten Wochen verbrachte das Glas in meinem kühlen, dunklen Keller. Jeden Tag nahm ich es zur Hand und schüttelte es. Für die letzten drei Wochen wechselte der Standort: Das Glas durfte nach draußen an einen sonnigen Platz, wo Licht und Sonnenwärme auf den Ansatz einwirken konnten.

Heute, am 13. August, nach gut siebeneinhalb Wochen Reifezeit, ist mein Rotöl fertig und bereit zum Filtern. Dafür verwende ich ein Plastiksieb. Aus meinem Ansatz erhalte ich ungefähr drei Deziliter eines intensiv roten Öls.

Ich habe bei meiner Herstellung damit zwei unterschiedliche Bedingungen miteinander verbunden – zunächst eine längere kühle und dunkle Mazerationsphase und anschließend drei Wochen mit Licht und Sonnenwärme. Das war mein persönlicher Herstellungsweg und keine Behauptung, dass genau dieses Verfahren allen anderen Methoden überlegen sei.

Gerade wenn man bedenkt, was am 22. Juni ins Glas kam – frische gelbe Blüten, grüne Triebspitzen und goldenes Olivenöl – finde ich das Ergebnis nach siebeneinhalb Wochen erstaunlich. Aus diesen wenigen Zutaten ist ein tiefrotes Pflanzenöl entstanden.

Bei meiner anschließenden Recherche stieß ich außerdem auf eine besonders interessante Untersuchung aus dem Jahr 2026. Darin wurden sonnenmazerierte Johanniskraut-Zubereitungen mit verschiedenen Pflanzenölen untersucht, darunter Oliven-, Sesam-, Sonnenblumen- und Schwarzkümmelöl. In den untersuchten Wundheilungsmodellen zeigten die Johanniskraut-Mazerate stärkere Aktivitäten als die jeweiligen Trägeröle allein. Besonders ausgeprägt waren die synergistischen Effekte bei Oliven- und Sesamöl.

Das macht mein verwendetes Olivenöl im Nachhinein natürlich besonders interessant, auch wenn daraus nicht abgeleitet werden kann, dass jedes selbst hergestellte Rotöl dieselben Eigenschaften besitzt.


Messbecher mit roter Flüssigkeit und Sieb auf dunkler Küchenarbeitsplatte neben Lichtschalter.



Collage aus Gläsern mit gelben Blüten und grünen Blättern; daneben eine schwarze Flasche und blühender Strauch im Garten.









Spannend: antibakterielle Eigenschaften im Labor


Bei der Recherche bin ich noch auf einen weiteren Punkt gestoßen, der mich besonders interessiert hat. Johanniskraut und daraus hergestellte Zubereitungen wurden auch auf ihre antibakteriellen Eigenschaften untersucht.

In Laboruntersuchungen zeigten bestimmte Johanniskraut-Zubereitungen eine Aktivität gegenüber verschiedenen grampositiven Bakterien. Dazu gehören je nach untersuchtem Extrakt beziehungsweise Mazerat unter anderem Staphylokokken und Streptokokken. Als ein interessanter Kandidat für einen Teil dieser antibakteriellen Wirkung gilt insbesondere Hyperforin.

Das ist deshalb bemerkenswert, weil solche Bakterien auch bei Infektionen der Haut und von Wunden eine Rolle spielen können. Gleichzeitig muss man hier sauber unterscheiden: Eine antibakterielle Wirkung im Labor bedeutet nicht automatisch, dass selbst hergestelltes Rotöl eine Streptokokken- oder Staphylokokkeninfektion beim Menschen behandeln kann. Konzentration, Herstellungsverfahren und Zusammensetzung der untersuchten Präparate unterscheiden sich teilweise erheblich.

Trotzdem finde ich diese Forschung interessant. Gerade wenn man bedenkt, dass Johanniskrautöl traditionell schon lange für verletzte und gereizte Haut verwendet wurde, stellt sich die Frage, ob neben entzündungsbezogenen und regenerativen Eigenschaften auch antibakterielle Pflanzenstoffe zu den historischen Erfahrungen beigetragen haben könnten.


Zwischen altem Wissen und moderner Forschung


Genau an diesem Punkt wird Johanniskraut für mich besonders spannend. Früher konnten die Menschen weder Hypericin noch Hyperforin bestimmen. Sie hatten keine Labore und keine modernen Analyseverfahren. Sie konnten beobachten, ausprobieren und Erfahrungen über Generationen weitergeben. Dabei vermischten sich praktische Anwendungen zwangsläufig mit religiösen Vorstellungen, Symbolik und Aberglauben.

Heute können wir einzelne Inhaltsstoffe isolieren und untersuchen, beobachten, wie sie sich unter Licht verändern, und im Labor erforschen, welche Prozesse sie in Zellen beeinflussen. Johanniskrautöl wird unter anderem im Zusammenhang mit Hautregeneration, entzündungsbezogenen Vorgängen und Wundheilungsmodellen sowie wegen möglicher antimikrobieller Eigenschaften untersucht. Gleichzeitig zeigt die Forschung, wie entscheidend das Herstellungsverfahren sein kann. Trägeröl, Licht, Temperatur, Dauer und Lagerung beeinflussen das fertige Mazerat.

Deshalb finde ich es falsch, altes Pflanzenwissen entweder blind zu verklären oder pauschal als Unsinn abzutun. Manche Überlieferungen bleiben Folklore. Hinter anderen traditionellen Anwendungen entdeckt die Forschung tatsächlich interessante biologische oder chemische Zusammenhänge. Und manchmal bleibt die Antwort offen.


Was man bei Rotöl trotzdem wissen sollte


Natürlich bedeutet „natürlich“ nicht automatisch, dass ein Produkt für jede Anwendung geeignet ist. Johanniskraut enthält Stoffe mit photosensibilisierenden Eigenschaften. Diese Problematik ist insbesondere von innerlich angewendeten und höher dosierten Johanniskrautpräparaten bekannt. Wie hoch die Konzentration entsprechender Stoffe in einem selbst hergestellten Öl ist, lässt sich ohne Analyse nicht bestimmen. Deshalb würde ich frisch eingeölte Haut vorsichtshalber nicht unmittelbar intensiver Sonne oder einem Solarium aussetzen.

Auch bei offenen, tiefen, stark entzündeten oder infizierten Wunden gehört ein selbst hergestelltes Pflanzenmazerat für mich nicht einfach auf die Haut. Gerade bei der Verarbeitung frischer Pflanzen muss man sich bewusst sein, dass ein selbst angesetztes Öl kein steriles Arzneimittel ist. Das gilt ebenso bei einem Verdacht auf eine bakterielle Infektion: Die beschriebenen Laborergebnisse ersetzen keine medizinische Diagnose oder notwendige Behandlung.

Mein Rotöl werde ich deshalb genauso betrachten, wie ich viele Dinge betrachte, die ich selbst ausprobiere: neugierig, aufmerksam und ohne daraus vorschnell allgemeingültige Aussagen abzuleiten.

Was mich an diesem Experiment besonders fasziniert, ist letztlich seine Einfachheit. Das Johanniskraut wächst in meinem Garten. Ich ernte seine Blüten und Triebspitzen, gebe sie in ein Glas und übergieße sie mit einem guten Öl. Danach braucht es vor allem Zeit. Erst steht das Glas geschützt im Keller, später draußen im Sonnenlicht. Irgendwann wird aus dem ursprünglich goldenen Olivenöl ein tiefrotes Pflanzenöl.

Unsere Vorfahren sahen darin Johannisblut, Sonnenkraft und eine besondere Schutzpflanze. Heute schauen Wissenschaftler auf Hypericin, Hyperforin, Flavonoide, antibakterielle Eigenschaften und photochemische Prozesse.

Dazwischen liegen Jahrhunderte.


Und trotzdem schauen wir noch immer auf dieselbe Pflanze.


Glasvorratsglas mit vielen gelben Blüten auf dunkler Küchenarbeitsplatte, schlicht und frisch, ohne Beschriftung.

 
 
 

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