Ein fast vergessener Halsring – und eine Geschichte, die mich nicht mehr loslässt
Aktualisiert: vor 5 Tagen
Manchmal stolpert man über etwas, das zunächst völlig unscheinbar wirkt. Ein altes Bild, ein Name, ein Gegenstand, dem man wahrscheinlich keine besondere Beachtung schenken würde. Und dann beginnt man zu suchen. Genau so ging es mir mit einem alten Halsring und dem Namen Dr. Raúl Araujo.
Was zunächst wie eine jener Geschichten klang, die seit Jahrzehnten weitererzählt werden und bei denen irgendwann niemand mehr so genau weiss, was ursprünglich wirklich dokumentiert war, führte mich immer tiefer in die Vergangenheit. Nach Paris, nach Montevideo und schliesslich zu Georges Lakhovsky und seinen frühen Arbeiten mit sogenannten Schwingkreisen.
Lakhovsky beschäftigte sich bereits vor rund hundert Jahren mit einer für seine Zeit ungewöhnlichen Vorstellung. Er betrachtete lebende Zellen als schwingungsfähige Systeme und entwickelte daraus seine Theorie der „cellulären Oszillation“. Vieles davon muss aus heutiger Sicht als historische Hypothese betrachtet werden. Einen modernen wissenschaftlichen Nachweis für die von ihm beschriebenen gesundheitlichen Wirkungen liefern diese alten Arbeiten nicht. Mich fasziniert daran jedoch etwas anderes: Lakhovsky blieb nicht bei theoretischen Überlegungen. Er baute. Und lange bevor der später bekannt gewordene Multiwellenoszillator entstand, experimentierte er mit erstaunlich einfachen Konstruktionen.
Im Juli 1929 kam der uruguayische Arzt Dr. Raúl Araujo nach Paris und begegnete dort Lakhovsky an der Salpêtrière. Diese Geschichte lässt sich tatsächlich bis in zeitgenössische Quellen zurückverfolgen. Araujo selbst verfasste später einen Bericht darüber, datiert auf den 1. Mai 1931 in Montevideo. Darin schilderte er, dass Lakhovsky ihm einen seiner Halsringe – einen „collier“ – übergeben und ihm empfohlen habe, ihn ständig zu tragen. Araujo tat es. Was er später über seine eigenen gesundheitlichen Erfahrungen und über Anwendungen bei Patienten berichtete, ist aus heutiger Sicht als historischer Erfahrungsbericht einzuordnen und nicht mit einem klinischen Wirksamkeitsnachweis gleichzusetzen.
Doch genau an dieser Stelle begann für mich der eigentlich spannende Teil. Was war dieser Halsring? Wie war er aufgebaut?
Je länger ich danach suchte, desto interessanter wurde die Geschichte. Die Spur führte schliesslich zu einem französischen Patent Lakhovskys aus den späten 1920er-Jahren. Dort findet sich die technische Grundidee: Im Inneren befand sich ein offener metallischer Leiter. Als mögliches Metall wird ausdrücklich Kupfer genannt. Der Leiter war elektrisch isoliert und konnte in einer Gummihülle untergebracht werden. Besonders interessant ist dabei, dass der Halsring von aussen geschlossen erscheinen konnte, während der metallische Leiter im Inneren elektrisch offen blieb.
Kein kompliziertes elektronisches Gerät, keine Stromversorgung, keine Batterie. Ein metallischer Leiter, eine bestimmte Form, eine Unterbrechung und eine Isolierung. Gerade diese Einfachheit hat mich gepackt. Denn wer meine Arbeit kennt, weiss, dass mich nicht nur interessiert, was Menschen früher gebaut haben. Mich interessiert, warum sie etwas genau so gebaut haben.
Bei der weiteren Recherche stiess ich schliesslich auf alte Unterlagen der damaligen COLYSA-Laboratorien in Paris. Und plötzlich bekam die Geschichte ein ganz anderes Gesicht. Es gab offensichtlich nicht einfach nur „den einen“ Lakhovsky-Ring. Alte Unterlagen zeigen Halsringe, Gürtel und Armbänder in unterschiedlichen Ausführungen. Manche wirken ausgesprochen schlicht, andere sehen beinahe wie Schmuckstücke aus. Besonders an einem alten Eintrag blieb ich hängen: „Collier B1 – petites perles argentées.“ Ein Halsring mit kleinen versilberten Perlen.
Spätestens da war meine Neugier endgültig geweckt. Denn nun begegneten mir in den alten Unterlagen Kupfer, Gummi, versilberte Perlen und unterschiedliche Konstruktionen. Je tiefer ich in Patente, Bücher und historische Dokumente eintauchte, desto deutlicher wurde mir, dass hinter diesen alten Schwingkreisen offenbar mehr unterschiedliche Ausführungen steckten, als die heute häufig gezeigten einfachen Kupferringe vermuten lassen.
Ausgelöst hatte meine ganze Suche ursprünglich das Bild eines dunklen, stark gealterten Ringes, der angeblich mit Dr. Araujo in Verbindung stehen soll. Ob diese Zuordnung tatsächlich stimmt, konnte ich bisher nicht zweifelsfrei belegen. Und genau deshalb möchte ich daraus auch keine schöne Geschichte machen, nur weil sie gut klingen würde. Dass Araujo existierte, dass er Arzt in Montevideo war, dass er Lakhovsky begegnete und dass er von diesem Halsring berichtete, lässt sich historisch nachvollziehen. Ob der Ring auf diesem einen Bild aber wirklich sein Ring ist, bleibt für mich vorerst offen.
Fast noch spannender finde ich inzwischen, was während dieser Suche ganz nebenbei zum Vorschein gekommen ist: alte Patente, originale COLYSA-Unterlagen, unterschiedliche Halsringe, versilberte Perlen, Gummiummantelungen und Konstruktionsdetails, über die heute kaum noch gesprochen wird. Einige dieser Puzzleteile passen erstaunlich gut zusammen, bei anderen fehlt noch genau das eine Dokument, das aus einer Vermutung Gewissheit machen könnte.
Und deshalb recherchiere ich weiter. Nicht, weil ich beweisen möchte, dass Lakhovsky mit allem recht hatte. Ein beinahe hundert Jahre altes Patent ist schliesslich noch kein Beweis für eine medizinische Wirkung. Mich interessiert vielmehr, was dieser Mann damals tatsächlich gebaut hat und welche Überlegungen hinter diesen ungewöhnlichen Konstruktionen standen.
Vor allem dieser Halsring lässt mich momentan nicht los. Inzwischen liegen einige Puzzleteile auf meinem Tisch, die mich wirklich überrascht haben. Andere fehlen noch. Und ein paar Details behalte ich ganz bewusst noch für mich.
Denn manchmal ist es viel spannender, eine Geschichte nicht mit der Antwort zu beginnen, sondern mit einer Frage:

Was geschieht, wenn wir etwas fast Vergessenes nach beinahe hundert Jahren noch einmal mit neuen Augen betrachten?
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